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Kanyes Abschlussfeier (14. September 2007)

“So they ask me - why you call it ‘Late Registration’ ‘Ye? Cause we takin these muh’fuckers back to school”

So hieß es noch auf seinem zweiten Werk “Late Registration” - eine klare Ansage, die sich größtensteils auch erfüllte. Jetzt, ganze zwei Jahre danach, ist Kanye West bei seinem Abschluss angelangt. Im Opener “Good Morning” heißt es: “Some people graduate, but we still stupid” - trifft das auch auf den Louis Vuitton Don selbst zu? Wer hier eine sauber ausgearbeitete Abschlussarbeit erwartet, hat sich geschnitten: Das ist wohl mehr die Graduation party, nichts mehr mit großartigem Tiefgang und Belehrung.

Kanye war noch nie der Typ, der Consciousness in seiner Reinkultur repräsentiert hat. Kanye ist mehr der smarte Rapper, ein Gegengewicht zu all den Gangster-Rappern. Der sympathische Backpacker mit dem Vuitton-Ranzen und dem gewissen Schuss an Selbstverliebtheit. Gerade letzteres hat bei diesem Werk stark Überhand genommen. Manchmal fragt man sich: An wen richtet sich das Album, an die Fans oder an die Hater? Warum sonst erwähnt er so oft, wie toll er doch ist und wie wenig ihn die anderen können? Dabei kann er sich, nachdem er jetzt sogar 50 Cent verkaufstechnisch überholt hat, eines ganz sicher sein: Andere Rapper machen ihm so schnell nicht etwas vor. Wahrscheinlich wird er aber, wie andere bereits zuvor, sein Schickal selbst besiegeln. Nicht zuletzt tragen solche Ausraster wie bei den diesjährigen VMAs dazu bei, dass sich der Widerstand regt.

Fangen wir mit den guten Seiten an: “Stronger” ist mittlerweile weit bekannt und wird von vielen als perfekte Fusion zwischen Electronica und Hip Hop gesehen. Als Daft Punk-Fan der ich bin, muss ich mich dem anschließen. Wenn Coldplays Chris Martin auf “Homecoming” gemeinsam mit ihm seine Heimatstadt Chicago besingt, freue ich mich auch über diese ungewöhliche Collabo. Ich denke auch, dass “Big Brother” sich mit der Zeit zu einem Classic mausern wird. Kanye schmiert seinem großen Bruder Jay-Z nicht bloß Honig um’s Maul, sondern äußert auch seine Kritik ihm gegenüber - das hat man selten erlebt, der Inhalt wird mit dem Beat nur unterstrichen. Dwele, auf dessen nächstes Album ich gespannt warte, verfeinert “Flashing Lights” umgemein. Das gilt auch noch für “I Wonder”, was in meinen Augen hauptsächlich von dem Sample des englischen Poeten Labei Sffir lebt.

Bei dein anderen Songs, da kommt mir mein Stirnrunzeln: Vom Mos Def-Joint “Drunk And Hot Girls” habe ich mir jede Menge erhofft, nur kann ich damit gar nichts anfangen. Es wird auf einem gelangweilten Beat über betrunkene Bitches gejault. Kein zweites Ms. Fat Booty. Beide beweisen aber auf “Good Night”, was eine fruchtbare Zusammenarbeit ist - hat es leider nicht auf’s Album geschafft, sondern nur als Bonus für iTunes sowie die UK- und Japanversion. Von “Two Words” auf Yeezes Erstlingswerk ganz zu schweigen.

Das Prädikat “Langweilig” trifft auf “Barry Bonds” zu: Gemeinsam mit Lil’ Wayne wird die Großartigkeit der beiden besungen. Das auf einem monotonen Beat mit ebenfalls monotonen Flow. Da fragt man sich, welcher Teufel Kanye zu diesen Feature geritten hat. Ich kann den Hype um den Typen gar nicht verstehen, rappt er für mich wie eine heisere Krähe, die kurz vor dem Ableben steht. “Good Night” gehört zu einem der besseren Songs, wobei man T-Pain mit John Legend ersetzen sollte.

Wo sind sie eigentlich, seine Musiker von G.O.O.D Music? Warum ein Lil’ Wayne, aber kein Consequence? Wo sind Common und Lupe Fiasco? Warum kein Platz für die wie sonst? Und wenn schon neue Artists, warum diese uninspirierten Plastikfiguren? Vielleicht, weil sie zu seinen Produktionen passen. Scheinbar hat Kanye seine helle Freude an Dirty Souths-VSTs - wie sonst lassen sich die Strings erklären, die eine Vielzahl der Songs überziehen? Da war DJ Toomp, der Hausproduzent von T.I., zu viel am Werk. Lieber hätte Ye erneut mit dem Filmkomponisten Jon Brion zusammenarbeiten sollen, der für die voluminösen Streicher auf dem Vorgänger verantwortlich war.

Meine Wertung:

3,5 / 5

Kein schlechtes Album, geht schnell ins Ohr, aber von Mr. West habe ich mir wesentlich mehr erwartet. Es ist immer wichtig, dass ein Künstler neue Wege geht. Mit neu meine ich aber innovativ. Kanye West wird geschätzt von der Musikerwelt - warum nutzt er das nicht aus? Chris Martin ist ein guter Anfang, genau wie Adam Levine zwei Jahre zuvor. Da muss Kanye ansetzen und seine Stärken ausspielen. G.O.O.D Music, das ist sein Label, darauf sind seine Artists, die den richtigen Flavour mitbringen. Kanye enttäuscht mehr, als dass er mit Lil’ Wayne und T-Pain überrascht. Jeder sollte sich sein eigenes Urteil bilden, obwohl ich gerade bei eingefleischen Fans ein mulmiges Gefühl erwarte.

Siedebar